15.12.2018

Der Mythos „Andenpakt“ war stets größer als seine Bedeutung

Mit der Teilzeit-Rückkehr von Friedrich Merz auf die politische Bühne erlebte ein Phantom der CDU seine Wiederauferstehung: der legendäre Andenpakt. Der Versuch von Friedrich Merz, CDU-Vorsitzender zu werden, beflügelte die Phantasie vieler politischer Beobachter. Männlich CDU-Politiker, sozialisiert in der Ära Kohl, versuchten angeblich, in der CDU die Macht zu ergreifen. Und die Niederlage von Merz, so die gängige Interpretation, war zugleich die Niederlage Ewiggestriger, war das Scheitern eines konservativen „roll back“.

Richtig ist: Es gab ihn, jenen „Geheimbund“ innerhalb der CDU, dessen Mitglieder viel Einfluss hatten. Den Aufstieg Angela Merkels zur Kanzlerin konnten sie jedoch allenfalls verzögern, aber nicht verhindern. Und gegen Merkels Plan, mit Annegret Kramp-Karrenbauer ihre Wunsch-Nachfolgerin durchzusetzen, war der Andenpakt letztlich machtlos.

Der Andenpakt war das Produkt einer Südamerika-Reise hoffnungsvoller Jung-Unionisten im Jahr 1979. Auf dem Flug von Caracas nach Santiago de Chile schlossen sie bei viel Whiskey einen eher unpolitischen Pakt und forderten „mehr Ambiente“ in der Politik. Was heißen sollte: Auf politischen Bildungsreisen sollte der Spaß nicht zu kurz kommen. Daraus entwickelte sich eine politische Seilschaft innerhalb der CDU, deren Mitglieder durchaus politischen Einfluss hatten.

Die Liste der Pakt-Gründer und Mitglieder liest sich wie ein „Who is who“ der CDU. Die wichtigsten: Ministerpräsident Volker Bouffier (Hessen); EU-Kommissar und Ex-Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Günther Oettinger; Altbundespräsident und Ex-Ministerpräsident von Niedersachsen, Christian Wulff; die Ex-Regierungschefs Roland Koch (Hessen) und Peter Müller (Saarland); die Ex-Bundesminister Franz Josef Jung (Verteidigung) und Matthias Wissmann (Verkehr); der ewige Europa-Politiker Elmar Brok; der Ex-Hoffnungsträger der Merkel-Skeptiker, Friedrich Merz; Arbeitgeber-Hauptgeschäftsführer Reinhard Göhner; die in ihren Ländern gescheiterten Spitzenkandidaten Christoph Böhr (Rheinland-Pfalz) und Friedbert Pflüger (Berlin), Ex-Sparkassenpräsident Heinrich Haasis, der Privatfernsehen-Pionier Jürgen Doetz und noch einige weitere CDU-Politiker. Wobei man wissen muss: Koch und Merz waren 1979 noch gar nicht dabei. Sie wurden erst später als „Brüder im Geiste“ kooptiert.

Was als Nebenprodukt einer politischen Auslandsreise entstanden war, entwickelte sich später zu einem wichtigen inoffiziellen Bündnis innerhalb der CDU. Man wollte die Kohl-CDU erneuern und sich zugleich gegenseitig unterstützen. Dass einer aus der Truppe Kanzler werden sollte, darf man unterstellen. Zur Modernisierung der CDU haben die damals jungen Herren einiges beigetragen, aber im Laufe der Jahre verhinderte selbst die Zugehörigkeit zu diesem Kreis nicht interne Rivalitäten. Dass kein Pakt-Bruder Kanzler geworden ist, hat auch damit zu tun, dass keiner der Parteifreunde zugunsten eines anderen zurückstecken wollte.

Lange Jahre hat der „Geheimbund“ davon gelebt, dass niemand so genau wusste, was die Herren miteinander so tun und was sie noch vorhaben. Bis Christian Wulff 2001 gegenüber seiner Parteivorsitzenden Angela Merkel die Existenz des Pakts ausplauderte. Es kam dann sogar zu einem Treffen der „Geheimbündler“ mit der von ihnen nicht sehr ernst genommenen CDU-Vorsitzenden. Das Merkel-Lager sorgte prompt dafür, dass das alles im „Spiegel“ zu lesen war. Von Stund‘ an wurde viel über den „Andenpakt“ spekuliert und geschrieben. Aber der Mythos war zerstört. Faktisch wurde aus dem politischen Bündnis im Laufe der Jahre eher ein Freundeskreis, der sich ein, zwei Mal im Jahr trifft und über alte Zeiten spricht.

Viele Medien versuchten jetzt, den Comeback-Versuch von Merz als die späte Rache des Andenpakts an der ungeliebten Angela Merkel zu interpretieren. Aber nicht jede „gute Story“ hält einem Realitäts-Check stand. Richtig ist, dass Roland Koch tat, was er konnte, um die Kandidatur von Merz zu befördern. Aber der innerparteilich heute viel einflussreichere Bouffier stand zu Merkel und Annegret Kramp-Karrenbauer. Was bei all den Theorien über den heimlichen oder unheimlichen Einfluss der Pakt-Brüder gerne übersehen wird: Die meisten Mitglieder dieses Freundeskreises befinden sich im längst im politischen Ruhestand. Ihr letzter großer Erfolg liegt deshalb 16 Jahre zurück. Damals konnten sie die Kanzlerkandidatur Merkels zugunsten ihres Favoriten Edmund Stoiber verhindern. Doch Stoiber verlor die Wahl, Merkel wurde Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und Merz geriet politisch ins Abseits.

Als der Andenpakt gegründet wurde, war Deutschland noch geteilt und Angela Merkel dachte nicht im Traum an eine politische Karriere. Als sie später zielstrebig in der CDU die Macht übernahm, hatte der angeblich so mächtige Andenpakt ihr nichts entgegenzusetzen. Friedrich Merz und Roland Koch scheuten die direkte Konfrontation, Oettinger ließ sich nach Brüssel wegloben, Wulff ins Bundespräsidialamt. Wenn es hinter dem Kanzleramt einen Friedhof für Merkel-Opfer gäbe, wäre der Andenpakt prominent vertreten. Friedrich Merz gebührte dort sogar ein besonders großes Mausoleum.

Veröffentlicht auf www.tichyseinblick.de am 15. Dezember 2018.


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