11.05.2022

Lambrechts Jammern in der Heli-Affäre zeigt, dass sie eine Fehlbesetzung ist

Es sind nicht in erster Linie Fehltritte und Pannen, die Politikern zu schaffen machen und gegebenenfalls Karrieren beenden. Politiker schaden sich selbst am meisten, wenn sie mit dem, was man Fehler, Affäre oder Skandal nennt, falsch umgehen. Wie man es nicht machen soll, dafür liefert Verteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) derzeit Anschauungsunterricht – und zwar abschreckenden.

Ja, es war formal völlig korrekt, dass sie ihren Sohn im Bundeswehrhubschrauber mitfliegen ließ, weil sie vorschriftsmäßig für die Kosten aufkommen wollte. Aber es ist nicht immer klug, etwas zu tun, nur weil es nicht verboten ist. Hätte die SPD-Politikerin diesen de-facto-Urlaubstrip offen als Fehler eingeräumt, wären die Schlagzeilen über sie als „Helikoptermutter“ weniger schrill ausgefallen.

Lambrecht hat noch gar nicht gezahlt

Was aber macht die Frau, die zurzeit an der Spitze eines der wichtigsten Ressorts steht? Sie gibt eine falsche Auskunft und stilisiert sich obendrein zum Opfer. Sie hat nämlich die Kosten für den Flug des Filius noch gar nicht „übernommen“, wie sie ihre Pressestelle mitteilen ließ. Denn die Bundeswehrverwaltung ist eine Behörde, und in Behörden geht es nicht so schnell zu. Peinlich genug, dass das Ministerium sich inzwischen korrigieren musste.

Ganz abgesehen davon dürfte es den Verwaltungsbeamten nicht ganz leicht fallen, den Preis für ein Economy-Ticket der Lufthansa für die Strecke Berlin-Bramstedtlund herauszufinden, die Grundlage für die Rechnung an die Mutter. Denn diesen nordfriesischen Ort, den sich Lambrecht auf dem Weg in den Osterurlaub für einen Truppenbesuch ausgesucht hatte, fliegt die Lufthansa gar nicht an. Da werden spitzfindige Controller höchst komplizierte Berechnungen anstellen müssen.

Man kann getrost davon ausgehen, dass die Ministerin die Rechnung noch begleichen wird, so wie sie die zahlreichen Flüge ihres Sohnes in ihrer Zeit als Justizministerin stets bezahlt hat. Geradezu peinlich wird es aber, wenn die linke Sozialdemokratin sich jetzt zum Opfer stilisiert und eine Kampagne gegen sich beklagt. Dabei war sie so instinktlos, den 21-jährigen im Helikopter mitzunehmen, um ihm eine fünfstündige Zugfahrt von Berlin nach Sylt zu ersparen. Und wenn der offenbar ebenso instinktlose wie eitle junge Herr sich nicht auf Instagram als Heli-Passagier präsentiert hätte, hätte wohl kein Medium darüber berichtet.

Die Helikoptermutter will unbedingt ein Opfer sein

Von Lambrecht und treu zu ihr stehenden Genossen wird gerne verbreitet, bei der vielfältigen Kritik an der Ministerin spiele vor allem ihr Geschlecht eine Rolle. Dabei wäre jeder Mann in ihrer Position ebenfalls heftig kritisiert worden, wenn er beispielsweise die Lieferung von 5000 Helmen an die Ukraine als großartigen Akt deutscher Solidarität gefeiert und die Bundesrepublik damit international dem Gespött preisgegeben hätte.

Lambrecht ist lang genug im Geschäft um zu wissen, dass auch unpolitische Pannen von Spitzenpolitikern von den Medien stets aufgegriffen werden. Als der damalige Verteidigungsminister Volker Rühe 1993 bei einem Truppenbesuch in Somalia stolperte, der Länge nach hinfiel und den Sturz auf seine Halbschuhe schob, wurde der fallende Minister zum Dauerhit im Fernsehen. Für Frau Lambrecht sind Fotos, auf denen sie auf zehn Zentimeter hohen Absätzen in Mali durch den Wüstensand stapft, dagegen Teil einer böswilligen Kampagne.

Verquickung von Dienst und Freizeit

Weder in der SPD noch Lambrecht selbst scheint überdies aufzufallen, dass sie sich sehr häufig auf Dienstreisen von einem Familienmitglied begleiten lässt. Diese Verbindung von Dienst (der Mutter) und Vergnügen (des Sohnes) muss den Bürgern seltsam vorkommen. Das Verständnis für sehr gute bezahlte Spitzenpolitiker, die ihre Angehörigen an den eigenen Privilegien teilhaben lassen, ist aus gutem Grund nicht sehr groß.

Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) war sich dessen bewusst. Als sein jüngster Sohn Peter 1991 in Italien sehr schwer verunglückte, ließ der Kanzler seine Frau von der Flugbereitschaft dorthin bringen. Aber noch ehe die Maschine abhob, hatte er einen Scheck über die ungefähren Kosten ausgestellt. Das hat ihn zwar nicht vor Vorwürfen bewahrt, er missbrauche sein Amt für private Zwecke. Aber er konnte dies schnell widerlegen. Kohl bewies in diesem Fall das Fingerspitzengefühl, das Lambrecht abgeht.

Selbst Scholz traut seiner Ministerin die Mammutaufgabe nicht mehr zu

Ob Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) der vorher mit Sicherheitspolitik nie befassten Juristin das Verteidigungsressort anvertraut hätte, wenn er gewusst hätte, dass Putins Überfall auf die Ukraine bevorsteht? Wohl kaum. Da ihm aber die Einhaltung der Frauenquote wichtiger war als verteidigungspolitische Kompetenz, kam es zu dieser Fehlbesetzung. Der Kanzler hält inzwischen wohl selbst nicht mehr allzu viel von seiner Ministerin. Das zeigt sich schon daran, dass er die Verhandlungen über das 100 Milliarden-Paket für die Bundeswehr an sich gezogen hat. Noch deutlicher kann man sich ein Regierungschef von einem Kabinettsmitglied kaum distanzieren. Wäre die seltsame Verbindung von Dienst- und Urlaubsreise der Ministerin und ihres Sohnes bisher die einzige Panne gewesen, wäre der mediale Niederschlag gering ausgefallen. Helikopter-Gate reiht sich indes nahtlos ein in zahlreiche Fälle instinktlosen oder peinlichen Verhaltens. Wenn Medien darauf hinweisen, ist das keineswegs eine Kampagne – sondern Teil ihrer Aufgabe.

(Veröffentlicht auf www.focus.de am 11. Mai 2022)


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