Presse

01.07.2018 | Welt am Sonntag

Deutschtürken als Avantgarde

Autokorsos auf deutschen Straßen zur Feier der Abschaffung der Demokratie in der Türkei sind ein wenig erfreuliches Schauspiel. Fast zwei Drittel (64,8 Prozent) der in Deutschland lebenden Türken, die an der Präsidentschaftswahl teilnahmen, stimmten für Recep Tayyip Erdogan und gewährten damit die Einführung des von ihm gewünschten Präsidialsystems. Die Zahl der Erdogan-Fans ist unter Türken in Deutschland also im Verhältnis größer als in der Türkei - wo der Präsident auf 52,5 Prozent der Stimmen kam.

Die Reaktion auf dieses Ergebnis war zweigeteilt. Die eine Seite sah im Wahlverhalten der Deutschtürken und Turkdeutschen ein beunruhigendes Indiz für deren mangelndes Demokratieverständnis, etwa der Grünen-Politiker Cem Özdemir: "Die feiernden deutschtürkischen Erdogan-Anhänger jubeln nicht nur ihrem Alleinherrscher zu, sondern drücken damit zugleich ihre Ablehnung unserer liberalen Demokratie aus. Wie die AfD eben", sagte der Bundestagsabgeordnete. "Das muss uns alle beschäftigen."

Andere Kommentatoren werteten das Abstimmungsverhalten gleich als Beleg für das Scheitern der Integration. "Die große Zahl der in Deutschland lebenden Erdogan-Fans ist ein Beleg für die schlechte Integration vieler bei uns lebender Türken", befand Hugo Müller-Vogg auf "Focus Online". "Diese Menschen" gingen zwar immerhin ihrer Arbeit nach und hielten sich an unsere Gesetze, räumte der konservative Publizist ein. Doch von Demokratie und Rechtsstaat hielten sie nichts. Für "unsere Werte" hätten sie kein Verständnis. Nicht wenige dürften das, was unsere liberale, pluralistische Gesellschaft ausmache, "sogar verachten", vermutet Müller-Vogg. Für den FAZ-Kommentator Jasper von Altenbockum stehen gar die "Gründungsideen der Bundesrepublik Deutschland auf dem Spiel". (…)

Das Wahlergebnis als Beleg eines Scheiterns der Integration zu werten ist daher zu kurz gedacht. Der Pauschalverdacht verdunkelt mehr, als er erhellt. Müller-Vogg widerspricht sich selbst, wenn er sagt, dass diese Menschen "ihrer Arbeit nachgehen und sich an Gesetze halten". Nach den gängigen Standards wären sie damit hinreichend integriert. Es hält sie trotzdem nicht davon ab, ihren Ex-Landsleuten in der Türkei einen Autokraten an den Hals zu wählen. Das Ergebnis bleibt deshalb widersprüchlich. Es zeigt, dass Integrationsprozesse nicht reibungslos verlaufen - und die Überzeugungskraft der Werte, auf denen die deutsche Gesellschaft beruht, bei Teilen der türkischen Gemeinde nicht durchdringt. Es lässt aber auch erkennen, dass es möglich ist, als Türkischstämmiger in Deutschland alltagstauglich integriert zu sein - und trotzdem Erdogan zu wählen.(…)

Quelle: „Welt am Sonntag“ vom 1. Juli 2018



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